Strategiemüde? Vielleicht schreibst du nur deine Gegenwart fort
Strategiemüdigkeit ist keine Erschöpfung. Sie ist die Folge eines Denkfehlers – der Fortschreibungsfalle.
Es gibt einen bestimmten Typ Unternehmer, der mich am meisten beschäftigt. Er macht nichts falsch. Er hat eine Strategie. Er hat Workshops moderiert, Projekte aufgesetzt, die Zahlen im Griff. Und trotzdem sitzt ihm eine Müdigkeit in den Schultern, die mit Urlaub nicht weggeht. Er sagt Sätze wie: „Wir arbeiten so viel – und kommen nicht von der Stelle."
Die naheliegende Deutung ist: Erschöpfung. Zu viel los, zu wenig Pause. Also greift man zu den Mitteln gegen Erschöpfung – effizienter werden, priorisieren, delegieren, durchatmen. Es hilft ein paar Wochen. Dann ist die Müdigkeit zurück.
Die eigentliche Ursache liegt woanders
Weil die Deutung falsch war. Strategiemüdigkeit ist kein Zustand, der einfach passiert. Sie hat eine Ursache. Und sie ist unsichtbar, weil sie so vernünftig aussieht: Man schreibt das Bestehende fort. Man nimmt das Heute, verlängert es um drei Jahre, rechnet es hoch – und nennt das Ergebnis Zukunft.
Immer wieder beobachte ich denselben Denkfehler. Und genau darin liegt die eigentliche Falle. Ich nenne sie die Fortschreibungsfalle – fachlich die Extrapolationsfalle.
Denn die Zukunft ist keine Verlängerung der Gegenwart. Eine Fortschreibung kann nur eines: das Tempo erhöhen. Sie macht das Bestehende schneller, präziser, perfekter. Eine Richtung kann sie nicht geben – denn Richtung steckt nicht im Bestehenden. Sie muss entworfen werden.
Der gleiche Mechanismus, nüchterner benannt
Diesen Mechanismus beschreibt auch Otto Scharmer in seiner Theory U. Er nennt ihn Downloading: Menschen und Organisationen reproduzieren vertraute Muster, anstatt sich auf eine entstehende Zukunft einzulassen. Scharmer denkt dabei in großen gesellschaftlichen Bögen. Im Mittelstand sieht derselbe Mechanismus nüchterner aus: Unternehmen verlängern ihre Gegenwart und nennen das Strategie.
Vom Symptom zur Ursache
Damit lässt sich Strategiemüdigkeit zu Ende denken. Bisher war sie eine Diagnose: viel Aktivität, keine Richtung. Jetzt hat sie einen Grund. Strategiemüdigkeit entsteht, wenn ein Unternehmen seine Zukunft fortschreibt, statt sie zu entwerfen. Wer das Bestehende fortschreibt, optimiert das Gestern – und je besser er darin wird, desto müder wird er. Weil jede Anstrengung in eine Richtung fließt, die nie entschieden wurde.
Strategie ist keine Fortschreibung. Strategie ist eine Richtungsentscheidung.
Das Zukunftsbild ist der Gegenentwurf
Ein Zukunftsbild ist der Gegenentwurf zur Fortschreibung. Es ist nicht die Hochrechnung dessen, was ist. Es ist die bewusst gewählte Antwort auf die Frage, wohin dieses Unternehmen eigentlich will – eine Richtung, die sich aus dem Bestehenden nicht ableiten lässt. Deshalb ist Zukunftsbild-Arbeit auf eine andere Weise anstrengend: Sie verlangt einen Bruch, keine Verlängerung.
Die Müdigkeit verschwindet nicht durch mehr Erholung. Sie verschwindet, wenn die Arbeit wieder eine Richtung hat.
Deshalb lautet die wichtigste Unternehmerfrage nicht: Wie kommen wir schneller voran? Sondern: Folgen wir überhaupt der richtigen Richtung?
Wer diese Frage ernst nimmt, fängt selten allein an. Sie braucht jemanden, der gegenhält – ein Sparring, das die Fortschreibung unterbricht. Ob dein Unternehmen schon in der Fortschreibungsfalle steckt, zeigt eine ehrliche Standortbestimmung.
