Es gibt einen Satz, der jede Diskussion beenden kann. Er fällt beiläufig, meist mit ruhiger Stimme, und danach nickt der Raum.
„Das haben wir schon immer so gemacht.“
Er klingt nach Erfahrung. Nach Bewährtem. Nach Sicherheit. Und genau deshalb ist er der gefährlichste Satz im Unternehmen.
Denn er beendet das Nachdenken in dem Moment, in dem es nötig wäre.
Erfahrung arbeitet im Hintergrund
Erfahrung ist selten nur Wissen, das man bewusst hervorholt. Oft wirkt sie vorher: als Reflex, als Erwartung, als vertrautes Muster.
Was einmal funktioniert hat, wird zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten haben eine angenehme Eigenschaft: Sie kosten keine Aufmerksamkeit mehr.
Das ist meistens ein Segen. Kein Mensch könnte arbeiten, wenn er jede Entscheidung von vorn treffen müsste. Der erfahrene Kopf spart sich den Umweg — er glaubt zu wissen, was gilt.
Nur merkt er dabei nicht immer, wann er aufgehört hat zu prüfen.
Jeder trägt sein eigenes Modell
Über Jahre entsteht im Kopf ein Modell davon, wie der Markt funktioniert, was Kunden wollen, was geht und was nicht. Dieses Modell ist wertvoll. Es ist verdichtete Erfahrung.
Aber es ist eben ein Modell. Es zeigt die Welt von gestern. Je länger es sich bewährt, desto unsichtbarer wird es — und desto sicherer verwechseln wir es mit der Wirklichkeit.
Erfahrung ist ein Gedächtnis. Kein Fernrohr.
Der leise Übergang zur Fortschreibung
Und hier beginnt die eigentliche Gefahr. Wer dem eigenen Modell vertraut, verlängert die Vergangenheit in die Zukunft. Was gestern trug, wird morgen tragen. Das fühlt sich nicht wie ein Fehler an. Es fühlt sich wie Vernunft an.
Genau das ist die Fortschreibungsfalle: Man schreibt die Gegenwart fort — und hält das Ergebnis für Strategie.
Erfahrung ist Stärke und Gefahr zugleich
Man kann Erfahrung deshalb nicht abschaffen — und sollte es auch nicht. Wer sie wegwirft, entscheidet naiv. Wer sich blind auf sie verlässt, entscheidet von gestern.
Die Kunst liegt dazwischen: Erfahrung nutzen und ihr zugleich ein Verfallsdatum geben.
Wenn das Modell nicht mehr passt
Was geschieht, wenn ein Unternehmen weiter nach einem Modell handelt, das nicht mehr trägt?
Es wird nicht untätig. Im Gegenteil. Es optimiert, startet Projekte, erhöht das Tempo — und kommt trotzdem nicht voran.
So entsteht Strategiemüdigkeit: viel Bewegung, aber keine neue Richtung. Es fehlt nicht am Einsatz. Es fehlt an der Prüfung, ob das alte Modell noch zur neuen Wirklichkeit passt.
Was Urteilskraft hier bedeutet
Urteilskraft heißt nicht, alles Bewährte zu verwerfen. Sie heißt, das Bewährte zu datieren.
Unter welchen Bedingungen ist diese Gewohnheit entstanden? Gelten sie noch? Was hat sich verändert, seit sie funktioniert hat?
Wer diese Fragen stellt, bevor der Markt sie stellt, behält die Wahl.
Erfahrung zeigt, was war. Urteilskraft prüft, ob es noch gilt.
Der Einwurf von Frau Dr. H. Ammwaschon-Immasogemacht
„Prüfen, ob es noch gilt? Es galt 1987. Es gilt heute. Ich sehe das Problem nicht.
Die Straße ist weg? Dann warten wir, bis sie wiederkommt. Straßen kommen immer wieder.
Und diese Frage, wohin wir wollen: Wir wollen dahin, wo die Straße früher hinführte. Nur bitte mit mehr Verkehr.“
Frau Dr. Ammwaschon-Immasogemacht leitet seit 1998 die Abteilung „War schon immer gut genug“. Verfallsdaten hält sie für eine Erfindung der Marketingabteilung. Mehr von ihr im Newsletter.
Frage zum Weiterdenken
Was gilt in Ihrem Unternehmen noch — nur weil es einmal gegolten hat?
In der nächsten Folge geht es um eine Gewissheit, die gerade zerfällt: dass Wissen ein Vorsprung ist.