Es gibt Orte, die man nie betreten hat – und die trotzdem ein Teil des eigenen Lebens werden.
Für mich ist einer dieser Orte Bhaise Bhimkhori. Ein kleines Dorf in Nepal. Am Fuß des Himalaya. Ich war nie dort. Und doch begleitet mich dieser Ort seit vielen Jahren. Nicht wegen der Berge. Nicht wegen des Everest. Sondern wegen einer Begegnung.
Vor mehr als dreißig Jahren reiste mein Cousin Uwe nach Nepal. Dort lernte er einen Sherpa kennen. Was als zufällige Begegnung begann, wurde zu einer Freundschaft. Und aus dieser Freundschaft entstand Verantwortung.
Uwe unterstützte den Sherpa und seine Familie über viele Jahre. Gemeinsam entstand etwas, das weit über beide hinausreicht: die Budhabala Primary School im Dorf Bhimkhori. Wir haben sie als Bhaise Primary School kennengelernt.
Wenn ich heute Fotos dieser Schule sehe, denke ich nicht zuerst an das Gebäude.
Ich denke an den Moment, in dem zwei Menschen beschlossen haben, einander zu vertrauen.
Viele Jahre später durfte ich selbst ein kleiner Teil dieser Geschichte werden. Gemeinsam mit Uwe unterstützte ich einige junge Männer, die nach ihrem Abitur nach Nepal reisen wollten. Sie wollten das Land kennenlernen, die Menschen treffen und verstehen, was diese besondere Verbindung ausmachte. Aus ihrer Reise entstand ein wunderbarer Film.
Damals habe ich etwas verstanden. Wirkung verläuft selten geradlinig. Sie springt von Mensch zu Mensch. Von einer Begegnung zur nächsten. Von einer Generation zur nächsten.
Heute habe ich Kontakt zu den Enkeln und Enkelinnen des Sherpas. Manchmal staune ich darüber, wie weit eine einzige Entscheidung reichen kann.
Wir leben in einer Zeit, in der wir Erfolg gerne in Zahlen messen. Umsatz. Wachstum. Reichweite. Follower. Doch all das beantwortet nicht die wichtigste Frage.
Was bleibt?
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Unternehmern. Nicht nur erfolgreiche Unternehmen aufzubauen. Sondern Entscheidungen zu treffen, deren Wirkung noch sichtbar ist, wenn sie selbst längst etwas anderes tun. Oder irgendwann nicht mehr da sind.
In meinen Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern geht es oft um Strategien, Märkte oder Nachfolge. Doch irgendwann landen wir fast immer bei einer anderen Frage.
Welche Zukunft möchtest du hinterlassen?
Nicht für das nächste Quartal. Sondern für die Menschen, die nach dir kommen.
Vielleicht beginnt Zukunft genau dort. Nicht mit einem perfekten Plan. Nicht mit einer großen Vision. Sondern mit einer einzigen Begegnung. Mit einem Menschen, der einem anderen Menschen zuhört. Mit Vertrauen. Mit Verantwortung. Mit dem Mut, etwas anzufangen, ohne zu wissen, wie weit die Wirkung einmal reichen wird.
Wenn ich an Bhaise Bhimkhori denke, denke ich deshalb nicht an Nepal. Ich denke an Uwe. Und an eine Frage, die mich seit Jahren begleitet.
Woran wird einmal sichtbar sein, dass wir da waren?
Vielleicht ist das mein Wyoming. Nicht der höchste Berg der Welt. Sondern eine Schule am Fuß des Himalaya. Ein Ort, der mich daran erinnert, dass die größten Veränderungen selten mit großen Gesten beginnen. Sondern mit einem Menschen, der sich entscheidet, Verantwortung zu übernehmen.
