350 Post-its. Säuberlich sortiert nach Design-Thinking-Prinzipien. Unser War-Room sah aus wie das Strategiezentrum eines Konzerns. Mein Partner und ich standen davor – zwei „alte Hasen“ der Beratungsbranche – und fragten uns allen Ernstes:
Müssen wir jetzt wirklich noch zwanzig Interviews führen?
„Kennen wir unsere Zielgruppe nicht längst?“
Die Ungeduld war greifbar. Wir hatten gerade ein Buch über eine neue Strategiemethode geschrieben. Wir wollten endlich als Strategieberater durchstarten. Diese Gespräche fühlten sich an wie eine lästige Pflichtübung für Anfänger.
Gott sei Dank haben wir sie trotzdem geführt.
Was dann passierte? Ein Schlag ins Gesicht – im besten Sinne. Interview für Interview hörten wir Sätze wie: „Unsere Strategie ist …“ oder „Wir verfolgen konsequent …“. Aber was dann kam, hatte mit Strategie so viel zu tun wie ein Kompass mit einem Hamsterrad. Operative Hektik, ja. Viele Aktivitäten, klar. Aber ein echter Plan? Eine echte Strategie? Fehlanzeige.
Die Erkenntnis traf uns wie ein Vorschlaghammer: Sie suchten gar nicht nach Strategieberatung. Sie glaubten fest, sie hätten bereits eine Strategie.
Die gefährlichste Annahme
Warum ich das erzähle? Weil genau hier der Knackpunkt liegt, wenn du dein Unternehmen weiterentwickeln willst. Die gefährlichste Annahme ist: „Ich kenne meine Kunden, meinen Markt, meine Zukunft.“ Je mehr Erfahrung wir haben, desto tiefer sitzt diese Fachidiotie. Wir stellen die falschen Fragen, weil wir glauben, die richtigen Antworten schon zu kennen.
Dabei verwechseln die meisten von uns – ich nehme mich da nicht aus – operative Betriebsamkeit mit strategischer Klarheit. Wir sind so beschäftigt damit, das Tagesgeschäft am Laufen zu halten, dass wir glauben, wir hätten einen Plan. Haben wir aber nicht. Wir haben nur Gewohnheiten.
Echte Zukunftsgestaltung
Echte Zukunftsgestaltung beginnt mit dem Mut, dumme Fragen zu stellen. Die eigenen Gewissheiten über Bord zu werfen. Und vor allem: wirklich zuzuhören, was der Markt dir sagt – nicht was du hören willst.
Diese 350 Post-its hingen übrigens noch sehr lange in unserem Büro. Als Mahnmal. Als Erinnerung daran, dass Zukunft aus Mut gemacht wird – dem Mut, sich einzugestehen: Ich weiß noch längst nicht alles.